Samstag, 25. Februar 2012

unsterblich

Als ich noch in der Grundschule war, war ich jeden Mittwoch morgen bei ihr, vor der Schule. Und habe mit ihr Kakao gekocht - den richtigen, wo man noch selbst Zucker dazugeben muss und auf dem Gasherd aufgekocht. Und ich durfte den Schüttelbecher durch die Küche hüpfend wie ein Cocktailmixer schwingen (zu Hause durfte ich immer nur überm Waschbecken schütteln!). Ich aß Brot ohne Kruste (sonst habe ich übrigens NIE Brot gegessen), nur mit Butter und Zucker oder Butter und süßem Kakaopulver bestreut und wir spielten Karten, bis ich zur Schule los musste. Ich brachte ihr übrigens auch Kartenspiele mit Namen wie "Arschloch" bei, was sie sehr amüsierte.
Da war meine Oma schon knapp über 80 Jahre alt. Meine Ersatzoma, die eigentlich die Tante meiner Mutter war. Und wir sind waren ihre Ersatzenkel, die sie aufgrund der fehlenden "echten Oma" zusätzlich aufgenommen hat. Wir wussten das immer, aber eine richtige Oma war sie trotzdem für uns. Hat auf uns aufgepasst, wenn wir krank oder unsere Eltern abends weggehen wollten, hat mit uns gespielt und uns die ein oder andere Mark zugesteckt, damit wir uns was schönes kaufen.

Insgesamt sollten wir das Geld, dass sie uns zu etwaigen Anlässen oder einfach so gab, immer für unnütze Dinge ausgeben, für schöne Sachen, für Dinge, die man eigentlich nicht wirklich braucht. Meist wurde es begleitet von einem "Genießt euer Leben! Es ist so schön, dass ihr ohne Krieg aufwachsen könnt!".
Denn davon konnte sie ein Lied singen: 
1914 im ersten Weltkrieg geboren, in der Nachkriegszeit auf einem Bauernhof aufgewachsen, wo sie bald schon die älteste Tochter war und auf die jüngeren Geschwister aufpasste und sie mit aufzog, bis sie als Wirtschafterin in anderen Familien arbeitete.
Ich glaube, sie war immer stolz darauf, nicht den erstbesten Mann geheiratet zu haben. Trotzdem heiratete sie schnell - es war Kriegszeit, zum zweiten Mal in ihrem Leben. Auf die Kriegsheirat folgte der Einzug ihres Mannes als Feuerwerker an die Front, genauer gesagt: Nach Russland. Getroffen haben sie sich zu Kriegszeiten nur ein Mal (daraufhin war Sohn Nr. 1 unterwegs). Danach geriet er in russische Gefangenschaft - und blieb es auch. Er kehrte erst mit einer der letzten Truppen zurück, 1955, als der Krieg längst vorbei war. Voller Wasser überall im Körper, ausgemergelt und mit Geschichten, die es einem kalt den Rücken herunter laufen lassen: von Jünglingen zum Beispiel, die als erstes "am Heimweh" verstarben, nach ihren Müttern weinend, deren Leichen aber versteckt wurden, um ihre Nahrungsrationen unter den Verbliebenen teilen zu können.
Als er vom Staat das Gefangenschaftsgeld bekam und es seiner Frau geben wollte für den Haushalt, weigerte sie sich, das Geld anzunehmen (und war sogar immer noch empört, als sie mir einmal davon berichtete): "Ich hab ihm gesagt, ich will keinen Pfennig davon!" Schließlich musste er in Russland leiden. Er sollte sich etwas schönes davon kaufen, nichts praktisches. So stand seit Mitte der 50erjahre ein wunderschönes Plattenspieler-Radio-Gerät im Wohnzimmer.
Ich habe Omas Mann nie kennen gelernt, denn er starb nur knappe 10 Jahre, nachdem er aus dem Krieg wiedergekommen war, als er seinen ertrinkenden zweiten Sohn rettete. Noch einmal geheiratet hat sie nicht.

Ab Mitte 80 hätte sie es in Ordnung gefunden zu sterben. Ich habe mal ein Gespräch zwischen ihr und meiner Mutter gehört, ich war noch nicht einmal 10 - sie sagte, sie sei nachts wach geworden und habe gedacht, es gehe zu Ende - also habe sie sich ein frisches Nachthemd angezogen und gewartet. Aber noch war es für sie längst nicht so weit.  Bis sie über 90 war, lebte sie allein, benötigte kaum Hilfe.
Dann stürzte sie und brach sich ein Bein - sie lief danach nicht mehr und zog in ein Altenheim.
Mit der Zeit wurde sie vergesslicher, war aber stets vergnügt. Dass sie uns kennt, wusste sie fast immer, manchmal konnte sie uns nur nicht einordnen. Da wurde ich leicht mal meine Mutter, ihre Schwester oder gar "Walter" (wobei das wohl eher auf ihre Schwerhörigkeit zurückzuführen war).
Auf die Frage "Wie alt bist du, Oma?" antwortete sie manchmal "25", häufig "42" und selten begann sie nachzuzählen, Jahr für Jahr ab 1914, bis wir sie stoppten. Oder sie sagte "die Frau war in etwa so... in unserem Alter" und zeigte auf sich selbst und mich, manchmal fragte sie auch, ob wir schon den Stall ausgemistet und die Kühe gemolken hätten.

Vor 3 Woche feierte sie ihren 98. Geburtstag. Da hatte sie schon seit Wochen nichts mehr gegessen und vor kurzem auch das Trinken eingestellt. Flüssigkeit bekam sie über einen externen Zugang. Aber sie war immernoch sie selbst, wenn auch gealtert. 

Dienstagmorgen um 6 Uhr ist sie dann endgültig eingeschlafen, ganz friedlich. Ich weiß, dass es okay ist, mit 98 nach einem langen erfüllten Leben darf man sterben.
Sie fehlt mir trotzdem, ziemlich. Für mich war sie irgendwie immer unsterblich.

Oma hat immer gesagt, bei der Geburt bekommt jeder ein Buch in die Wiege gelegt - manche bekommen ein dünneres Buch, manche ein dickes. Wenn das Buch voll ist, gehen wir zu Gott.
Sie hatte definitiv ein dickes Buch zu füllen.

4 Kommentare:

  1. Oh Meike, mein Beileid! :(

    Dein Post hier war schön zu lesen und die Geschichten, die du über deine Oma erzählt hast, immer sehr unterhaltsam. Beim letzten Satz musste ich schmunzeln. :) Ich bin mir sicher, sie war ein ganz wundervoller Mensch!

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  2. oje, herzliches beileid :/
    ich hab meine oma bis zu ihrem tot vor zwei jahren auch immer für unsterblich gehalten :(

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  3. Deine Oma klingt nach einer wunderbaren Frau- nachd er Art Frau wie ich sie einmal sein möchte. Ich wünsche dir ganz ganz viel Kraft!

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  4. WOOOOW....wunderbar und schön geschrieben. mein ganz dolles beildei :(

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