Dienstag, 27. Juli 2010

"Ich warte hier nur auf meinen Koffer..."

Ich verstehe nicht, wieso so viele Menschen dagegen sind, ihre Angehörigen in Alten-/Pflegeheime zu geben.
Wieso finden so viele Leute Altenheime deprimierend? Ich amüsiere mich immer gut, wenn ich meine Oma besuchen gehe.
Erst Sonntag war ich wieder dort.

Oma hatte einen guten Tag - sie erkannte, dass sie meine Mutter und mich kennt. Dazu solltet ihr kurz zur Kenntnis nehmen: Meine liebe Oma ist schon 96, da darf man dement werden ;)

So schoben wir sie ins Altenheimeigene Café. Heute hieß ich Maria oder Marianne - wunderbar, ein Name, der etwas mit meinem Namen zu tun hat! Da sie mittlerweile auch wusste, dass ich die Tochter meiner Mutter bin, war es geritzt.

Immerhin besser als ein anderes Mal, als wir ihr einen Kalender schenkten und sie auf ein Foto von mir deutete und fragte "Wer ist das?" Und wir sie anschrien (Oma ist schwerhörig) "DAS IST MEIKE!! / DAS BIN ICH, OMA!!" und Oma freudestrahlend antwortete "Ach, Walter?!" - Nein, Oma, Meike! "Achso, Waltraud!"

Meine Oma ist unheimlich subtil - sie schreit. So teilt sie ihre Erkenntnisse gern mit uns - und allen anderen Bewohnern des Altenheims. Und da sie uns ja auch nicht versteht, wenn wir nicht schreien, teilen wir unsere kompletten Gespräche mit allen, so sind wir eben.

Irgendwann während des Gesprächs (sprich: wir schreien sie an, sie versteht uns manchmal, manchmal auch nicht und antwortet manchmal auf irgendwas anderes) lässt sie manchmal einfließen, sie sei etwas kaputt, habe sie doch den ganzen Vormittag die Waschküche geschrubbt. Ob wir den Hof übernehmen würden? Das Heu müsse reingeholt werden und die Kühe gemolken. (Falls es jemand noch nicht wissen sollte: ich wohne im Ruhrgebiet - der besprochene Hof aber liegt in Oberschlesien und wird seit Jahrzehnten von einem anderen Teil der Familie geführt.)
Klaro Oma, machen wir!
Zufrieden nippte sie an ihrem Kaffee - eine Tasse + 2 Töpfchen Kaffeesahne + 2 Pakete Zucker, mjami. Da der Kaffee zu heiß war, boten wir ihr zunächst etwas von meiner Apfelschorle an - die sie natürlich prompt in den Kaffee zu gießen versuchte, hoppla. Nachdem nur ein Schluck Apfelschorle drin gelandet war, probierte sie wieder - ah ja, nicht mehr so heiß, schmeckt jetzt!

Meine andere Oma (übrigens auch im gleichen Heim gewesen, bis sie gestorben ist - ja, wir sind die Abschieber der Familie!) hatte auch immer großartige Ideen. Dass ihr Mann gestorben war, hatte ihr niemand gesagt, meinte sie. Und dass ihre Eltern tot seien - dass wir ihr das verschwiegen hätten, wäre ja unerhört! Diese Oma war ebenfalls Ende 80, ein Wunder, dass ihre Eltern tot waren.
Auch ihr erster Freund im Altenheim (er hat ihr sogar einen Heiratsantrag gemacht, den sie natürlich empört ablehnte, weil sie ja verheiratet sei!!) sagte irgendwann "Ich habe im Telefonbuch nachgeschaut - ich habe meinen Bruder gefunden, meinen Sohn, meinen Enkel - aber meine Eltern, die habe ich nicht gefunden!". Mensch, was für ein Zufall!
Erster Freund übrigens deshalb, weil sich diese Liaison irgendwann verflüchtigte und sie einen neuen Freund hatte. Charlie war herzallerliebst und sogar auf ihrer Beerdigung. Sie haben sich sogar geküsst, wie uns eine Pflegerin mal stotternd erzählte.

Ich mag alte Menschen. Deprimierend ist da doch gar nichts dran - man darf doch altern. Und man darf dement werden. Aber solang man fröhlich ist und Spaß hat, ist das doch gut.

Einmal habe ich Oma besucht und wir fanden sie an "ihrem Tisch" vor, vor sich hatten die Herrschaften leere Pinnchen stehen - lecker Eierlikörchen hatte es gegeben. Dazu schallte aus den Lautsprechern eines Ghettoblasters "Einmal am Rhein" . Die Herrschaften, inklusive des Pflegepersonals sangen aus voller Kehle fröhlich mit, dazu wurden die Arme im Rhythmus hin und her geschwenkt. Sie sind ja im Altenheim, nicht im Sanatorium, natürlich wird auch Alkohol ausgeschenkt!

Diesmal verabschiedeten wir uns von meiner Oma und ich schob sie zurück zu ihrem Platz. Aber zunächst musste ich sie an einer anderen Dame im Rollstuhl vorbeischiffen, die sich mitten in den Gang gerollt hatte. Ihre fachmännische Aussage dazu: "Ich bin gleich weg, ich warte hier nur auf meinen Koffer!"
Als geübter Heimbesucher nimmt man das hin und reagiert nicht weiter drauf. Wir verabschiedeten uns also von Oma und wollten uns gerade auf den Weg hinaus machen, als besagte Dame meine Mutter antippte:
"Entschuldigung, wurde der einfahrende Zug schon angezeigt?"


... Ach, ich liebe die Besuche bei meiner Oma!

4 Kommentare:

  1. alte omis sind doch i-wie süß:)...meine omas hört auch nicht mehr soo gut..aber sonst ist sie gesitig noch sehr fit. ist ja auch "erst" ende 70^^...LG;)

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  2. ich muss gerade so über den letzen satz lachen :D
    Meine Omis sind beide noch recht fit.
    Aber als wir vor ein paar Jahren bei einer Cousine meiner Oma waren, die auch 96 war, ging es mir nicht anders als dir und wurde mit 'wer bist du denn?' begrüßt :D

    Ich mag deinen Schreibstil :)
    Grüüüßchen, Sammie! :)

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  3. Hach, das erinnert mich an die Besuche bei meiner Uroma. =) Sie wurde 99 Jahre alt und war geistig noch ziemlich fit im Kopf. Ich mochte sie sehr gerne. =)

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